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Netzwerkorientierung – Brauche ich ein soziales Netzwerk?

Netzwerkorientierung ist einer der wichtigen Resilienzfaktoren und meint die Wahrnehmung von sozialen Beziehungen und Kontakten als unterstützende Faktoren im Umgang mit Stress.

Inhalt:

Welche Faktoren eines sozialen Netzwerks sind besonders wichtig?
Wer gehört alles zu einem sozialen Netzwerk?
Wozu ist ein soziales Netzwerk gut?
Welche Personen in meinem Netzwerk tun mir gut?

Welche Faktoren eines sozialen Netzwerks sind besonders wichtig?

In der 1977 veröffentlichten „Kauai Längsschnittstudie“ untersuchte die US-amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner auf der hawaiianischen Insel Kauai über 40 Jahre lang insgesamt 698 Kinder aus demselben Jahrgang.

Ungefähr ein Drittel der Kinder war mit verschiedenen Risikofaktoren (wie z.B. dem Aufwachsen in Armut, Komplikationen bei der Geburt, psychischer Erkrankung der Eltern, Disharmonien im Familiensystem) belastet. Trotzdem entwickelte sich ein Drittel davon zu resilienten Erwachsenen. Zum Abschluss der Studie zeigten sich bei ihnen „protektive Faktoren, wie zum Beispiel eine emotionale Bezugsperson, einen stabilen Familienzusammenhalt, eine hohe Schulbildung, hohe Sozialkompetenzen und positive Selbstwirksamkeitserwartungen (vgl. Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2014)“ – und zwar, weil sie ein soziales Netzwerk hatten, in dem mindestens eine erwachsene Person den Kindern eine

  • sichere,
  • anerkennende,
  • fördernde und
  • wohlwollende

Beziehung auf Augenhöhe angeboten haben. Dadurch wurden sie so gestärkt, dass sie zu resilienten Erwachsenen heranwachsen konnten.

Wenn ich mir Gedanken darüber mache, was ich persönlich in meinem nahen sozialen Netz brauche, so sind die o.g. Faktoren auch für mich in meinen Beziehungen besonders wichtig. Ich habe gerne Menschen um mich, bei denen ich mir sicher bin, dass sie mich so nehmen, wie ich gerade bin (z.B. traurig, glücklich, albern) und bei denen ich mich so sicher fühle, dass ich alles erzählen kann, was mich beschäftigt.

Wer gehört alles zu einem sozialen Netzwerk?

Viele Menschen gehören zu unserem sozialen Netzwerk, auch wenn uns das manchmal gar nicht so bewusst ist. Unser Netzwerk kann z.B. aus

  • Freunden,
  • Familie,
  • Arbeitskolleg*innen,
  • Ärzten,
  • Selbsthilfegruppen und auch aus
  • Menschen, die wir regelmäßig in unserem Alltag treffen, wie z.B. die Verkäuferin, die uns unser Lieblingsbrot verkauft bis zu dem Hundehalter im Park, der immer so nett grüßt,

bestehen.

Die unterschiedlichen Menschen in unserem Netzwerk stehen uns unterschiedlich nah. Daher wird zwischen persönlichem, gesellschaftlichem und dem vermittelnden Netzwerk unterschieden1:

  • Persönliche [primäre] Netzwerke
    halten Personen eines engen Umkreises zusammen (Familie, Freunde und Nachbarn).
  • Gesellschaftliche [sekundäre] Netzwerke
    dienen dem öffentlichen und beruflichen Austausch (Handwerk, Versicherungen, Kaufhäuser, öffentliche Einrichtungen für Bildung und soziale Dienste).
  • Vermittelnde [tertiäre] Netzwerke
    stehen zwischen den primären und sekundären Netzwerken und bieten praktische Alltagshilfe im sozialen Bereich an (Selbsthilfe, Bürgerinitiativen, professionelle Sozialdienste).
  • Online-Netzwerke [Web 2.0]
    bieten Plattformen, auf denen Mitglieder mit eigenen Profilen und vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten (Chat, E-Mail und virtuelle Pinnwand) alte soziale Kontakte pflegen und neue Kontakte aufbauen können.
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Im Zuge der Digitalisierung hat sich auch für das soziale Netzwerk eine neue Welt eröffnet.

Bei meiner Recherche für diesen Artikel war ich mir zunächst nicht sicher, welchen Stellenwert ich dem digitalen Netzwerk gebe. Doch mittlerweile findet ein großer Teil der Kommunikation im Internet statt. Ich persönlich ziehe Face-to-Face-Kontakte dem unpersönlichen Internet deutlich vor und bin der Meinung, dass es echte Kontakte nicht ersetzen kann. Ich habe mich aber entschieden, es der Vollständigkeit halber in der oben stehenden Auflistung zu belassen.

Wozu ist ein soziales Netzwerk gut?

Wir Menschen sind soziale Wesen und benötigen soziale Netzwerke für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Es ist wichtig, sich diese aufzubauen, zu pflegen und zu nutzen. Auf der einen Seite geht es darum Hilfe und Unterstützung zu erfahren und andererseits sind diese sozialen Interaktionen stärkend für unsere Resilienz und helfen uns Stress abzubauen. Dazu ist es gar nicht entscheidend, ob wir wirklich Unterstützung erhalten. Um Stress abzubauen, reicht es bereits, die Sicherheit zu haben, dass ich bei jemandem um Hilfe bitten kann.

Beim Schreiben fällt mir auf, wie wichtig das soziale Netzwerk in der Corona-Pandemie war. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte 5 – 10 Tage in Quarantäne sein müssen, wäre mein soziales Netzwerk wichtig gewesen, um mir z.B. Medikamente oder Lebensmittel zu beschaffen und Telefonate oder Kurznachrichten wären evtl. der einzige mögliche Kontakt zur Außenwelt gewesen.

Vor längerer Zeit waren gute Freunde sehr belastet. Ihre Sorgen konnte ich ihnen nicht nehmen, konnte allerdings dazu beitragen, dass sie Abstand bekamen. Während der schweren Zeit habe ich sie mehrmals zu Ausflügen eingeladen und schöne Nachmittage mit ihnen gemeinsam verbracht. Diese Unterbrechungen in ihrem Alltag haben ihnen gutgetan und sie waren sehr dankbar für die Gespräche, das Zuhören und dafür, dass sie durch den Wechsel der Umgebung den Kopf für eine gewisse Zeit ein wenig frei bekommen haben. Und auch ich hatte einen schönen Tag.

Regelmäßige soziale Interaktionen sind wichtig, um „den Kopf freizubekommen“, sich auszutauschen und über Erlebtes zu sprechen. Dadurch kann Stress reduziert und unsere Resilienz gestärkt werden.

Mit verschiedenen Freunden genieße ich regelmäßige Spielabende. Bei einem leckeren Essen ist Raum für einen ehrlichen Austausch, wie es jeder Person an unserem Tisch gerade geht. Bei anstehenden Herausforderungen unterstützen wir uns gegenseitig. Im Anschluss spielen wir (meistens unser Lieblingsspiel Dog Royal), wobei wir sehr viel lachen! Am Ende des Abends sind wir alle froh und dankbar für diese gute Mischung während der gemeinsamen Zeit.

Welche Personen in meinem Netzwerk tun mir gut?

Eine wichtige Frage für soziale Netzwerk ist: Wer in meinem sozialen Netz tut mir gut? Wer vielleicht auch nicht (mehr)? Wenn ich den Blick darauf richte, welche soziale Beziehung positiv, negativ oder auch neutral für mich ist, kann ich mich aktiv entscheiden, mit welchen Menschen ich wie intensiv eine Beziehung pflegen möchte!

Um herauszufinden, wie mein soziales Netz aussieht und ob ich etwas verändern möchte, nehme ich mir ca. einmal im Jahr einen Zettel, schreibe meinen Namen in die Mitte des Blattes und die Namen der Menschen aus meinem sozialen Netzwerk drumherum. Menschen, die mir nahestehen, rücken dabei dicht an mich heran, weiter entfernte schreibe ich weiter weg von mir auf. Im zweiten Schritt überlege ich, ob es Personen gibt, die ich vielleicht weiter entfernt von mir haben möchte oder ob es Personen gibt, zu denen ich mir (wieder) mehr Kontakt wünsche. Dadurch ist mir z.B. klar geworden, dass ich während meiner Ausbildung eine sehr gute Freundin hatte, die ich aber leider aufgrund der Entfernung nicht mehr häufig gesehen habe. Ich habe die Initiative ergriffen und einen Termin für ein Treffen vereinbart. Heute sehen wir uns wieder regelmäßig einmal im Monat zum Mittagessen und einem sehr guten, ehrlichen Austausch.

Fazit

Unsere sozialen Netzwerke sind oft größer als wir denken und wichtig für unsere Resilienz.

Ich bin ein Mensch, der gut allein sein kann und das auch sehr genießt. Allerdings weiß ich auch, wie wertvoll mein soziales Netz für mich ist, dass es wichtig ist, es zu pflegen und sowohl Hilfe anzubieten als auch darum zu bitten!

Du möchtest mehr darüber erfahren?

Natürlich ist das Thema Netzwerkorientierung auch ein wichtiger Teil in unserem Resilienztrainings RASMUS und dem Recovery-Kurs RAMSES.

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1 https://definition-online.de/soziale-netzwerke
Bildquellen:
Titelbild: geralt / Pixabay
Grafiken erstellt in Canva

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