Gastbeitrag vom Forschungsteam MASC-ED
Universitätsklinikum Tübingen | Charité – Universitätsmedizin Berlin
Essstörungen werden häufig mit Frauen in Verbindung gebracht. Doch auch Männer sind betroffen – und ihre Erfahrungen werden in Forschung und Versorgung bislang nicht ausreichend berücksichtigt. Das Forschungsprojekt MASC-ED möchte das ändern. Dabei geht es nicht nur darum, mehr über Essstörungen zu erfahren, sondern auch darum, Menschen mit eigener Erfahrung aktiv an der Forschung zu beteiligen.
Inhalt
- Wenn eine Erkrankung nicht zum eigenen Bild passt
- Was möchte MASC-ED herausfinden?
- Forschung gemeinsam mit Menschen mit eigener Erfahrung
- Warum unterschiedliche Perspektiven wichtig sind
- Wer kann an der Studie teilnehmen?
- Deine Erfahrung kann Forschung mitgestalten
Wenn eine Erkrankung nicht zum eigenen Bild passt
Wann denken wir an einen Mann mit einer Essstörung? Vielleicht fällt es vielen Menschen schwer, sich darunter etwas vorzustellen. Essstörungen werden in der Öffentlichkeit häufig als Erkrankungen junger Frauen wahrgenommen. Dieses Bild kann dazu beitragen, dass die Erkrankung bei Männern weniger schnell erkannt wird – von anderen, aber möglicherweise auch von den Betroffenen selbst.
Gesellschaftliche Vorstellungen davon, wie Männer aussehen, essen oder mit Gefühlen umgehen sollten, können es zusätzlich erschweren, über psychische Belastungen zu sprechen. Manche Männer erleben beispielsweise Druck, muskulös zu sein, möglichst wenig Unsicherheit zu zeigen oder Probleme allein zu bewältigen. Solche Erwartungen treffen nicht auf alle Männer gleichermaßen zu, können aber den Umgang mit dem eigenen Körper und Essverhalten beeinflussen.
Essstörungen können sich dabei sehr unterschiedlich zeigen: durch Essanfälle, stark eingeschränktes Essverhalten oder eine intensive Beschäftigung mit dem eigenen Körper. Sie lassen sich nicht allein am Gewicht oder am äußeren Erscheinungsbild erkennen.
Auch sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität können im Zusammenhang mit Essstörungen eine Rolle spielen. Menschen aus der LGBTQIA+-Community berichten häufiger von Essstörungssymptomen. Gleichzeitig wissen wir noch zu wenig darüber, wie unterschiedliche Erfahrungen mit Geschlecht, Körperbild und gesellschaftlichen Erwartungen mit der Erkrankung zusammenhängen und welche Hürden Betroffene bei der Suche nach Unterstützung erleben.
Gerade im Monat der Männergesundheit lohnt sich deshalb ein genauerer Blick:
- Wie erleben Männer Essstörungen?
- Welche Erfahrungen machen sie bei der Suche nach Hilfe?
- Und wie kann Forschung dazu beitragen, dass unterschiedliche Betroffene besser verstanden werden?
Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Forschungsprojekt MASC-ED.
Was möchte MASC-ED herausfinden?
MASC-ED ist ein Projekt im Rahmen des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit und wird gemeinsam vom Universitätsklinikum Tübingen und der Charité – Universitätsmedizin Berlin durchgeführt. Das Projekt untersucht, welche Rolle Geschlecht und sexuelle Orientierung bei Essstörungen spielen und wie die Versorgung von Betroffenen verbessert werden könnte.

Dafür gibt es zwei voneinander unabhängige Teilstudien:
Im quantitativen Studienteil vergleichen wir cis-Männer und cis-Frauen mit einer Essstörung. Wir untersuchen unter anderem die Impulsivität, die gedankliche Flexibilität und die Emotionsregulation. Ergänzend erfassen wir mit Fragebögen und einem strukturierten Interview verschiedene Aspekte der Essstörung und der psychischen Gesundheit.
Im qualitativen Studienteil möchten wir mit Menschen aus der LGBTQIA+-Community sprechen, die eine Essstörung haben. In persönlichen Interviews interessieren wir uns für ihre Erfahrungen: Wie erleben sie ihre Erkrankung? Welche Rolle spielen das eigene Körperbild und gesellschaftliche Erwartungen? Welche Erfahrungen machen sie mit Diskriminierung oder im Kontakt mit dem Gesundheitssystem?
Es geht uns nicht darum, Menschen in Kategorien einzuordnen. Vielmehr möchten wir Unterschiede und Gemeinsamkeiten besser verstehen und dazu beitragen, dass die Lebensrealitäten verschiedener Betroffener in Forschung und Versorgung berücksichtigt werden.
Forschung gemeinsam mit Menschen mit eigener Erfahrung
Ein besonderer Schwerpunkt von MASC-ED liegt auf der partizipativen Forschung. Das bedeutet, dass Menschen mit eigener Erfahrung mit Essstörungen nicht nur als Studienteilnehmende mitwirken, sondern das Forschungsprojekt auch aktiv begleiten und mitgestalten.
Dafür haben wir einen Forschungsbeirat mit neun Erfahrungsexpert*innen eingerichtet. Sie bringen ihre persönlichen Erfahrungen und Perspektiven in das Projekt ein und unterstützen uns dabei, wichtige Fragen aus Sicht der Betroffenen zu betrachten.
Denn wissenschaftliche Forschung kann viel über eine Erkrankung herausfinden. Aber welche Fragen sind für Menschen, die mit dieser Erkrankung leben, besonders wichtig? Welche Aspekte werden im Alltag häufig übersehen? Und wie können Studien so gestaltet werden, dass sich Betroffene angesprochen und ernst genommen fühlen?
Menschen mit gelebter Erfahrung können auf Themen aufmerksam machen, die in wissenschaftlichen Modellen oder in der klinischen Praxis möglicherweise zu wenig berücksichtigt werden. Sie können Rückmeldungen dazu geben, wie Fragen formuliert werden, welche Themen in Interviews angesprochen werden sollten und wie Forschungsergebnisse verständlich vermittelt werden können.
Partizipation bedeutet dabei nicht, dass wissenschaftliche Expertise an Bedeutung verliert. Vielmehr kommen unterschiedliche Wissensformen zusammen: wissenschaftliche Erkenntnisse, klinische Erfahrung und persönliches Erfahrungswissen. Gemeinsam können sie dazu beitragen, Forschungsfragen näher an der Lebensrealität der Betroffenen auszurichten.

„Durch die Zusammenarbeit im Beirat wird die Inklusivität der Studie deutlich erhöht. Beispielsweise haben wir die verwendeten Fragebögen aus Betroffenensicht geprüft und Rückmeldungen gegeben, wenn Inhalte potenziell stigmatisierend oder belastend sein könnten. Das Forschungsteam ist auf diese Hinweise eingegangen und hat die Inhalte entsprechend angepasst. Auf diese Weise tragen wir dazu bei, dass die Studienteilnahme für die Teilnehmenden möglichst sicher, respektvoll und angstfrei gestaltet wird.“
Alex, nicht-binär, Mitglied des MASC-ED Forschungsbeirats
„Als Mitglied des MASC-ED Forschungsbeirats schätze ich sehr, dass wir einen vielfältigen und vorurteilsfreien Blick auf das Thema Essstörungen bei Männern werfen. Neben der fachlichen Expertise, bereichert gerade der Input betroffener Menschen – verbunden mit dem Out-of-the-Box-Denken, dieses immer noch deutlich zu unerforschte Erkrankungsbild.“
Michael, cis-Mann, Mitglied des MASC-ED Forschungsbeirats
Warum unterschiedliche Perspektiven wichtig sind
Wenn bestimmte Personengruppen in der Forschung kaum vertreten sind, besteht die Gefahr, dass ihre Bedürfnisse bei der Entwicklung von Krankheitsmodellen und Behandlungsangeboten zu wenig berücksichtigt werden. Das kann auch die Versorgung beeinflussen. Wenn eine Erkrankung nicht zum eigenen Bild davon passt, wer typischerweise betroffen ist, fällt es möglicherweise schwerer, Symptome zu erkennen oder Hilfe zu suchen. Auch Fachpersonen können wichtige Anzeichen übersehen, wenn sie vor allem mit bestimmten Vorstellungen von Essstörungen vertraut sind. MASC-ED möchte dazu beitragen, solche Wissenslücken zu schließen.
Die Ergebnisse sollen helfen, Essstörungen geschlechter- und diversitätssensibler zu verstehen und langfristig Ansatzpunkte für eine bedarfsgerechtere Versorgung zu schaffen. Dabei ist uns wichtig, keine vorschnellen Schlussfolgerungen zu ziehen: Nicht alle Männer erleben ihre Erkrankung gleich, und auch innerhalb der LGBTQIA+-Community gibt es sehr unterschiedliche Lebensrealitäten. Gerade deshalb ist es wichtig, vielfältige Perspektiven einzubeziehen. entstehen acht experimentelle Bedingungen. Jede teilnehmende Person wird einer Bedingung zugeteilt.
Wer kann an der Studie teilnehmen?
Um diese Fragen untersuchen zu können, suchen wir Menschen, die ihre Erfahrungen und Perspektiven in die Forschung einbringen möchten.
Für den quantitativen Studienteil suchen wir cis-Männer mit einer Essstörung. Deine Ergebnisse werden mit denen von cis-Frauen mit einer Essstörung verglichen.
Für den qualitativen Studienteil suchen wir Menschen aus der LGBTQIA+-Community mit einer Essstörung. In einem persönlichen Interview möchten wir mehr über deine Erfahrungen mit der Erkrankung und der Gesundheitsversorgung erfahren.
Die beiden Studienteile sind unabhängig voneinander. Eine Teilnahme an beiden ist nicht erforderlich.
Die Untersuchung findet an einem Termin vor Ort in Tübingen oder Berlin statt und dauert etwa 1,5 bis 2 Stunden. Alle Informationen zu den Studienteilen und zum Ablauf findest du auf der Studienhomepage:
https://www.medizin.uni-tuebingen.de/de/studie-diversitaet-und-essstoerungen
Für die Teilnahme erhalten Teilnehmende eine Aufwandsentschädigung:
- Quantitativer Studienteil: 10 Euro pro Stunde.
- Qualitativer Studienteil: 20 Euro insgesamt.
Die Teilnahme ist freiwillig. Wer sich für die Studie interessiert, kann gerne Kontakt mit dem Forschungsteam aufnehmen und offene Fragen klären.
Deine Erfahrung kann Forschung mitgestalten
Vielleicht hast du selbst eine Essstörung erlebt oder lebst aktuell damit. Vielleicht hast du als Angehörige*r miterlebt, wie herausfordernd es sein kann, die Erkrankung zu verstehen und passende Unterstützung zu finden.
Die Erfahrungen von Betroffenen sind vielfältig und passen nicht immer zu den Vorstellungen, die in der Öffentlichkeit über Essstörungen bestehen. Damit diese Vielfalt in der Forschung besser sichtbar wird, brauchen wir Menschen, die bereit sind, ihre Perspektiven einzubringen.
Mit MASC-ED möchten wir nicht nur mehr über Essstörungen bei Männern und LGBTQIA+-Personen erfahren. Wir möchten auch dazu beitragen, dass die Fragen, die wir stellen, und die Schlussfolgerungen, die wir ziehen, die Erfahrungen der Betroffenen angemessen berücksichtigen.
Möchtest du mehr über MASC-ED erfahren oder an der Studie teilnehmen?
Informiere dich gern auf unserer Homepage:
https://www.medizin.uni-tuebingen.de/de/studie-diversitaet-und-essstoerungen
Kontakt und Studienleitung

PD Dr. Kathrin Schag
Universitätsklinikum Tübingen
Kathrin.Schag@med.uni-tuebingen.de

Prof. Dr. Julie O’Sullivan, Dipl.-Psych.
Charité – Universitätsmedizin Berlin
masc-ed@charite.de
Titelbild: Pixabay / creativecanvasdesign

ERNA Erfahrungsexpert*innen Resilienz-Netzwerk & Austausch ist eine Plattform, auf der haupt- oder nebenberuflich selbständige Erfahrungsexpert*innen gemeinsam ihre Angebote vorstellen und sich vernetzen.