Achtsamkeit – oder auch Mindfulness – ist in den letzten Jahren zu einem festen Bestandteil vieler Gesundheits- und Stressbewältigungsangebote geworden. Doch worin unterscheidet sich die klassische Achtsamkeit von der traumasensitiven Achtsamkeit? In diesem Artikel werden beide Varianten vorgestellt und miteinander verglichen.
Inhalt
Was ist Achtsamkeit?
In welchen Bereichen wird Achtsamkeit heute eingesetzt?
Wobei kann Achtsamkeit unterstützen?
Was ist der Unterschied zwischen klassischer und traumasensitiver Achtsamkeit?
Was ist der wichtigste Unterschied?
Was bedeutet das für den Alltag?
Fazit
Was ist Achtsamkeit?
Achtsamkeit bedeutet, den gegenwärtigen Moment bewusst wahrzunehmen – ohne ihn sofort bewerten oder verändern zu wollen.
Es geht nicht darum, Gedanken „abzustellen“. Stattdessen lernen wir, anders mit ihnen umzugehen. Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen werden bewusst wahrgenommen, ohne sich sofort von ihnen mitreißen zu lassen.
So entsteht mehr Raum, um angemessen zu reagieren und zu entscheiden.
Ihre Wurzeln liegen in alten meditativen Traditionen, insbesondere in den buddhistischen Lehren.
Im Westen wurde Achtsamkeit vor allem durch Jon Kabat-Zinn bekannt gemacht, der sie in einen wissenschaftlichen und alltagstauglichen Kontext unabhängig von Religion überführt hat. Er entwickelte das Programm Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR), das heute weltweit Anwendung findet.
In welchen Bereichen wird Achtsamkeit heute eingesetzt?
Achtsamkeit wird mittlerweile in vielen verschiedenen Bereichen genutzt – von der Stressbewältigung über therapeutische Kontexte bis hinein in die Arbeitswelt. Auch in unserem Resilienztraining RASMUS und RAMSES ist sie eine wichtige Säule.
Im Kern geht es darum, bewusst im Hier und Jetzt anzukommen (statt mit seinen Gedanken in der Vergangenheit oder der Zukunft zu verweilen), besser mit Belastungen umzugehen und einen freundlicheren Umgang mit sich selbst zu entwickeln.
Wobei kann Achtsamkeit unterstützen?
In den letzten Jahren hat sich Achtsamkeit unter anderem bewährt bei:
- Stress und Erschöpfung
- innerer Unruhe
- Schlafproblemen
- emotionaler Regulation
- Schmerzbewältigung
- sowie im Bereich der Prävention

Viele Menschen erleben durch eine regelmäßige Praxis mehr Ruhe, Klarheit und entwickeln ein besseres Körperbewusstsein.
Ein möglicher Erklärungsansatz ist, dass Achtsamkeit das Nervensystem reguliert und dabei hilft, bewusst zwischen Anspannung und Entspannung zu wechseln – was wichtig ist, um die Gesundheit wiederherzustellen oder zu erhalten.
Zahlreiche Studien zu MBSR zeigen messbare positive Auswirkungen auf die psychische und physische Gesundheit – besonders dann, wenn die Praxis regelmäßig und individuell angepasst durchgeführt wird1.
Was ist der Unterschied zwischen klassischer und traumasensitiver Achtsamkeit?
In der klassischen Achtsamkeitspraxis wird die Aufmerksamkeit gezielt gelenkt, zum Beispiel auf:
- den Atem
- Körperempfindungen
- Gedanken und Gefühle
Dabei wird eingeladen:
- wahrzunehmen, was auftaucht
- es nicht zu bewerten
- gedankliches Abschweifen wahrzunehmen und sanft zur Aufmerksamkeit zurückzukehren
Diese Form der Achtsamkeit kann sehr unterstützend sein und hilft bewusster mit Stress umzugehen.
Gleichzeitig berichten manche Menschen auch, dass Achtsamkeit für sie nicht nur angenehm, sondern auch herausfordernd sein kann. Beispielsweise kann es vorkommen, dass:
- der Atem als unangenehm empfunden wird
- Gedanken intensiver werden
- Gefühle stärker wahrgenommen werden
- der Körper sich unruhig oder angespannt anfühlt
Das ist nicht ungewöhnlich und es liegt auch nicht daran, dass beim Üben etwas falsch gemacht wird. Besonders für Menschen, die viel Stress erlebt haben oder belastende Erfahrungen mitbringen, können das „ganz normale“ Reaktionen sein.
Gerade bei Menschen mit traumatischen Erfahrungen kann eine zu starke Fokussierung nach Innen dazu führen, dass belastende Erinnerungen oder Körperempfindungen aktiviert werden. Deshalb ist es in der traumasensitiven Achtsamkeit besonders wichtig, die Aufmerksamkeit flexibel zu gestalten und jederzeit zwischen innerer und äußerer Wahrnehmung wechseln zu können.
Hier setzt die traumasensible Achtsamkeit an.
Sie wurde maßgeblich durch David Treleaven ausgearbeitet und verbreitet2.
Ihr zentraler Gedanke ist:
Achtsamkeit soll unterstützen – nicht überfordern.
Das bedeutet:
- Die Aufmerksamkeit muss nicht ausschließlich nach innen gerichtet sein
- Es gibt immer die Möglichkeit, sich z.B. im Raum umzusehen und sich dadurch im Hier und Jetzt zu orientieren
- Übungen können angepasst oder unterbrochen werden
- der Körper wird dosiert einbezogen
Im Mittelpunkt steht nicht nur das Wahrnehmen, sondern zusätzlich die Frage:
„Fühle ich mich gerade sicher genug?“
Was ist der wichtigste Unterschied?
Während die klassische Achtsamkeit dazu einlädt, alles wahrzunehmen, was da ist und dabei zu bleiben, ergänzt die traumasensible Achtsamkeit eine entscheidende Perspektive:
„Sie dürfen wahrnehmen – so viel, wie sich gerade gut und stimmig anfühlt und Sie dürfen darauf reagieren, indem Sie so gut wie möglich für sich sorgen. Sie müssen nichts aushalten!“
Kürzlich habe ich wieder eine klassische Anleitung am eigenen Leib erlebt: Schließen Sie die Augen und bleiben Sie dabei, auch wenn schwierige Gedanken oder Bilder auftauchen.
Mir fehlte dabei die Erlaubnis, gut für mich zu sorgen – zum Beispiel die Augen zu öffnen, mich im Raum zu orientieren oder auf verunsichernde Geräusche zu reagieren, statt sie aushalten zu müssen.
Also habe ich genau das getan: Ich habe mich bei Geräuschen bewusst orientiert und nachvollzogen, woher sie kommen. Das hat mir Sicherheit gegeben – dadurch konnte ich mich wieder gut auf die Übung einlassen.
Was bedeutet das für den Alltag?
Traumasensible Achtsamkeit im Alltag lässt sich leicht in den Alltag integrieren. Zum Beispiel:
- achtsam trinken und Temperatur, Geräusche oder die Berührung wahrnehmen.
- die Füße auf dem Boden spüren
- sich im Raum orientieren und etwas Angenehmes betrachten
- bewusst ausatmen und das Ausatmen evtl. verlängern – sofern das angenehm ist
- sich erlauben, eine Übung jederzeit zu verändern, z.B. aufzustehen und sich im Raum zu bewegen
Es geht nicht darum, die Übung „richtig“ zu machen – sondern darum, in Kontakt mit sich selbst zu bleiben und jederzeit gut für sich zu sorgen.
Ein unverzichtbares „Upgrade“ für alle, die sich als Achtsamkeitslehrer sehen oder sich in der Ausbildung zum Achtsamkeitslehrer befinden.
Jon Kabat-Zinn3
Fazit
Gerade in unserer schnelllebigen und oft fordernden Welt kann Achtsamkeit eine wertvolle Unterstützung sein – nicht als weitere Aufgabe, sondern als Einladung, sich selbst bewusster wahrzunehmen und mit sich selbst möglichst gut im Kontakt zu sein.
Beide Formen der Achtsamkeit – klassisch und traumasensitiv – haben ihren Wert.
Die traumasensible Perspektive erweitert die klassische Praxis um etwas Wesentliches: Selbstfürsorge in Verbindung mit Sicherheit und Wahlfreiheit.
Vielleicht nehmen Sie aus diesem Artikel einen Gedanken mit:
Jeder Mensch darf seinen eigenen Weg finden, achtsam zu sein – im eigenen Tempo und auf ganz eigene Weise.
Quellen:
1 Eine kleine Auswahl an Studien und den Ergebnissen finden Sie unter:
https://www.mbsr-berlin.org/angebote/mbsr-forschung/
sowie weitere Studien unter
www.mindfulness-research.net
2 Buch „Traumasensitive Achtsamkeit“, David A. Treleaven, Arbor Verlag,
ISBN-13: 978-3867812160
3 https://davidtreleaven.com
Bildquellen:
Canva

Helma Harbecke-Schulz ist Coach & Heilpraktikerin für Psychotherapie – für mehr Ruhe im Sturm des Lebens.