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Ängste akzeptieren und bewältigen: Warum der Weg durch die Angst hindurchführt

von Daniela Hadem-Kälber

Jeder weiß: Angst gehört zum Leben dazu. Sie kann uns schützen, uns auf Gefahren aufmerksam machen und uns helfen, vorsichtig zu sein. Manchmal wird sie aber auch selbst zum Problem: Wenn wir beginnen, bestimmte Situationen zu vermeiden, werden unsere Spiel-Räume Stück für Stück kleiner.
Dieser Beitrag ist eine Mischung aus Erfahrungsbericht und Hilfestellung. Denn ich selbst kenne als Privatmensch das Gefühl von Angst sehr gut. Gleichzeitig helfe ich insbesondere aufgrund dieser Erfahrung Menschen, die mit großen Ängsten zu kämpfen haben.

In diesem Artikel erfährst du zunächst etwas Persönliches aus meinem Leben. Danach gebe ich dir Hinweise und Ideen aus meiner hypnotherapeutischen und hypnosystemischen Arbeit, wie du einen guten Umgang mit Ängsten in deinem Leben entwickeln kannst.

Inhalt

Keine Höhenflüge

Insbesondere die Höhenangst begleitet mich beinahe mein ganzes Erwachsenenleben. Als Kind und Jugendliche hatte ich hingegen überhaupt kein Problem mit Höhe. Im Freibad vom 5-Meter-Turm zu springen war genauso normal für mich wie nahe an den Abgrund des Grand Canyon zu treten.
Später, als ich selbst Mama wurde, entwickelte sich diese Angst vor der Höhe. Meine erste Tochter war schon immer begeistert vom Klettern. Kaum konnte sie laufen, kletterte sie schon auf die höchsten Klettergerüste. Bereits beim Hinsehen bekam ich schweißnasse Hände.

Zu dieser Zeit war es für mich bereits nur unter großer Angst möglich, ihr hinterherzuklettern und zu helfen, wenn sie den Weg nach unten nicht allein schaffte. Dies verschärfte sich in den kommenden Jahren, als ich immer mehr versuchte, solchen Situationen aus dem Weg zu gehen.

Ich erlebte: Die Angst wurde größer, je mehr ich die Situationen vermied. Inzwischen konnte ich beispielsweise nur noch unter großer Angst mit der Gondel fahren. Was früher kein Problem für mich gewesen war, erlebte ich plötzlich als äußerst bedrohlich.

Irgendwann gab es dann in meinem beruflichen Leben die Möglichkeit, dieser neu entstandenen Angst mithilfe von hypnosystemischer Selbsterfahrung zu begegnen.
Ich habe sie mittlerweile als gute Freundin an meiner Seite, die mich dabei unterstützt, mich um meine Kinder zu kümmern. Indem ich der Angst zuhöre und sie nicht wegschicke, konnte sich eine „gute Beziehung“ zu ihr entwickeln. Weg ist sie keineswegs. Aber ich kann mit ihr gemeinsam vereinbaren, dass wir im Schwimmbad vom Sprungturm springen oder auf Leitern klettern.Für mich geht es deshalb darum, trotz Angst handlungsfähig zu bleiben.

In Situationen, die mir Angst machen, entscheide ich ganz bewusst: Will ich vermeiden und damit Kraft sparen – oder mich freiwillig der Situation aussetzen und dadurch eine neue Erfahrung machen?
Das klingt zunächst vielleicht paradox: Wenn mir etwas Angst macht, warum sollte ich mich freiwillig genau dieser Situation aussetzen? Weil Vermeidung kurzfristig zwar Erleichterung bringt, langfristig aber dazu führen kann, dass die Angst bestehen bleibt oder sogar stärker wird.

Wenn ich vermeide, mit der Gondel zu fahren, fühle ich mich zunächst erleichtert. Mein Gehirn lernt dabei jedoch möglicherweise: Gut, dass wir nicht eingestiegen sind. Die Situation war tatsächlich gefährlich. Beim nächsten Mal kann die Angst deshalb noch größer sein.

Wenn ich dagegen mit der Gondel fahre und erlebe: Ich habe Angst. Und ich kann diese Angst aushalten. Es passiert nichts Schlimmes. Ich kann damit umgehen, entsteht eine neue Erfahrung.
Das bedeutet nicht, dass jede Angst einfach durch „Augen zu und durch“ bewältigt werden sollte. Im Gegenteil: Bei starken Ängsten kommt es darauf an, dosiert und in einem passenden Tempo vorzugehen.

Nicht jede Angst lässt sich einfach vermeiden

Bei einer Höhenangst kann man manchmal noch relativ leicht entscheiden, ob man auf einen Sprungturm steigt, eine Leiter hochgeht oder mit einer Gondel fährt. Das ist bei anderen Ängsten viel schwieriger.
Wer Angst davor hat, Fehler zu machen, vermeidet möglicherweise neue Aufgaben oder berufliche Herausforderungen. Wer Angst vor öffentlichen Verkehrsmitteln hat, schränkt seine Mobilität ein. Und wer Angst vor körperlichen Symptomen entwickelt, beginnt vielleicht, Situationen zu meiden, in denen Herzklopfen, Schwindel oder Atemnot auftreten könnten.

Angst kann mit der Zeit das Leben immer stärker einschränken. Vielleicht nimmt man Einladungen zu Feiern nicht mehr an, verschiebt Reisen, schreibt keine Bewerbungen, vermeidet Beziehungen oder gibt Hobbys auf. Die Angst nimmt dann nicht nur einen Moment ein – sie beginnt, Entscheidungen für uns zu treffen.

Ängste akzeptieren bedeutet nicht, sie gutzuheißen

Wenn ich in meiner Arbeit vom Akzeptieren von Ängsten spreche, meine ich natürlich nicht, dass du dich einfach damit abfinden sollst.

Akzeptanz bedeutet etwas anderes: Ich kann wahrnehmen: Da ist gerade Angst.
Ich muss sie nicht bekämpfen oder mich dafür schämen. Aber ich muss auch nicht sofort dafür sorgen, dass sie verschwindet. Denn gerade der Versuch, Angst um jeden Preis loszuwerden, kann zusätzlichen Druck erzeugen.

Hilfreicher kann es sein, die eigene Angst zunächst wahrzunehmen und anzuerkennen. Damit verändert sich die innere Haltung. Aus einem Kampf gegen die Angst wird ein Umgang mit der Angst.

Was hilft beim Bewältigen von Ängsten?

In meinem zertifizierten Präventionskurs zum Umgang mit Ängsten arbeite ich mit unterschiedlichen Zugängen. Dabei geht es unter anderem darum, Angst besser zu verstehen und die eigenen Gedanken, Bewertungen und Verhaltensweisen genauer unter die Lupe zu nehmen.

Ein wichtiger Bestandteil ist die Frage:
Was denke ich eigentlich in dem Moment, in dem die Angst entsteht?
Denn nicht nur eine Situation selbst löst Angst aus. Auch unsere Interpretation dieser Situation spielt eine wichtige Rolle. Typische Gedanken, die auftauchen, sind zum Beispiel:

  • Ich werde mich blamieren.
  • Ich schaffe das nicht.
  • Bestimmt passiert etwas Schlimmes.
  • Wenn mein Herz so rast, stimmt etwas nicht.

Solche Gedanken können Angst verstärken. Mit kognitiven Methoden lässt sich lernen, diese automatischen Bewertungen zu überprüfen und hilfreichere Perspektiven zu entwickeln.
Daneben spielt das Verhalten eine wichtige Rolle:

  • Welche Situationen vermeide ich?
  • Was würde ich eigentlich gerne tun, wenn die Angst mich nicht zurückhalten würde?
  • Und welche kleinen Schritte könnte ich ausprobieren?

Kleine Schritte können große Veränderungen bewirken

Gerade beim Umgang mit Ängsten ist es häufig nicht hilfreich, sofort den größtmöglichen Schritt zu machen.

Ich muss nicht gleich auf den höchsten Berg steigen, wenn ich Höhenangst habe.

Vielleicht ist der erste Schritt, wieder eine Leiter hochzusteigen. Dann ein Sprung im Freibad von einem niedrigeren Turm.

Denn es ist nicht entscheidend, sofort angstfrei zu werden, sondern eine neue Erfahrung zu machen. Zu spüren, dass es funktioniert. Und vielleicht auch zu bemerken, dass man Angst hatte – und es trotzdem geschafft hat.

Das stärkt Selbstwirksamkeit. Und Selbstwirksamkeit wiederum kann helfen, sich auch anderen Herausforderungen zu stellen.

Hypnosystemisch betrachtet: Die Angst will nicht unbedingt weg

In meiner psychotherapeutischen Arbeit nutze ich auch hypnosystemische und hypnotherapeutische Ansätze. Dabei interessiert mich unter anderem, welche Funktion die Angst eigentlich hat.

Denn Angst ist kein Fehler in unserem System. Sie hat in der Regel einen guten Grund. Oft möchte ein Teil von uns uns schützen, Risiken vermeiden oder Kontrolle behalten.

Aus hypnosystemischer Perspektive kann es deshalb hilfreich sein, nicht gegen die Angst zu kämpfen, sondern neugierig mit ihr in Kontakt zu treten und diesen Anteil zu fragen:

  • Was möchtest du für mich erreichen?
  • Wovor möchtest du mich schützen?
  • Was brauchst du, damit du mir weniger Angst machen musst?

Das kann eine ganz andere Beziehung zur eigenen Angst ermöglichen. Und es eröffnet Wahlmöglichkeiten.

Was passiert, wenn wir uns unseren Ängsten stellen?

Für mich liegt darin eine der wichtigsten Erfahrungen im Umgang mit Angst: Wenn ich mich einer Angst stelle, verändert sich nicht nur die konkrete Situation. Ich lerne gleichzeitig etwas über mich selbst.

Ich erfahre zum Beispiel, dass ich unangenehme Gefühle aushalten kann. Oder dass ich Entscheidungen treffen kann, auch wenn ich unsicher bin. Dass ich meine eigenen Grenzen wahrnehmen kann und vor allem, dass ich Dinge schaffen kann, von denen ich eine Zeit lang dachte, dass ich sie niemals schaffen würde.

Vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt:
Es geht nicht immer darum, die Angst loszuwerden.

Es geht darum, wieder mehr Freiheit zu gewinnen, wie ich mit meiner Angst umgehen und wie ich mein Leben gestalten möchte.

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Bildquelle Titelbild: Markus Winkler / Pexels

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