Gastbeitrag von Dr. Laura Luisa Bielinski
Universität Bern | Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie
Lange Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz belasten viele Menschen. Um diese Zeit besser zu überbrücken, führt die Universität Bern derzeit die OPTIBRIEF-Studie durch. Im Zentrum steht die digitale Kurzintervention UKADO, ein kompaktes Online-Programm für Personen mit potentiellen Angsterkrankungen oder Depressionen, die aktuell auf einen Therapieplatz warten oder sich auf der Suche nach einem befinden.
Inhalt
- Wenn Hilfe auf sich warten lässt
- Was ist eine digitale Ultrakurzintervention?
- Die zentrale Frage der OPTIBRIEF-Studie: Welche Elemente wirken?
- Drei Komponenten im Fokus der Forschung
- Wer kann teilnehmen?
- Warum Erfahrungen von Patient:innen entscheidend sind
- Ausblick: Versorgung neu denken
- Informationen für Fachpersonen, Institutionen und weitere Interessierte
Wenn Hilfe auf sich warten lässt
Psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen gehören weltweit zu den häufigsten und belastendsten Gesundheitsproblemen. Gleichzeitig ist der Zugang zu Psychotherapie vielerorts eingeschränkt. Auch im deutschsprachigen Raum berichten zahlreiche Betroffene von Wartezeiten, die sich teils über Monate erstrecken.
Die Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz ist keine neutrale Phase. Sie ist oft geprägt von Unsicherheit, anhaltenden Symptomen, Hoffnung, aber auch Zweifel. Genau hier setzt die OPTIBRIEF-Studie an.
Das Forschungsprojekt am Institut für Psychologie der Universität Bern untersucht eine digitale Ultrakurzintervention namens UKADO, die Menschen während der Wartezeit auf eine Psychotherapie begleiten soll. Der Name UKADO steht für Ultrakurzintervention gegen Angst und Depression online. Im Zentrum der Studie steht dabei die Frage, welche Elemente von UKADO besonders wirksam sind.
Was ist eine digitale Ultrakurzintervention?

UKADO ist ein digitales Programm, das psychoedukative Inhalte sowie konkrete Übungen vermittelt. Das Programm kann online durchgeführt werden und ist so konzipiert, dass Teilnehmende die Inhalte unmittelbar in ihren Alltag integrieren können.
Bei UKADO geht es um ein kompaktes, fokussiertes Angebot, das entweder problemorientiert oder ressourcenfokussiert aufgebaut ist. Die Inhalte basieren auf etablierten psychologischen Ansätzen wie Problembewältigung und Ressourcenaktivierung.
Die zentrale Frage der OPTIBRIEF-Studie: Welche Elemente wirken?

Die OPTIBRIEF-Studie verfolgt ein klares Ziel: Die optimale Version einer digitalen Ultrakurzintervention für Menschen mit Angst- oder Depressionssymptomen zu identifizieren. Um das herauszufinden, werden einzelne Bestandteile der Intervention systematisch variiert.
Drei Komponenten im Fokus der Forschung
Im Zentrum der Studie stehen drei Faktoren:
- Behandlungsinhalt: Hier wird zwischen einer problemfokussierten und einer ressourcenfokussierten Version unterschieden. Während die problemfokussierte Variante stärker auf Symptomverständnis und Bewältigungsstrategien abzielt, orientiert sich die ressourcenfokussierte Version an lösungsorientierten Prinzipien und aktiviert vorhandene Ressourcen.
- Menschliche Begleitung: Ein Teil der Teilnehmenden erhält eine begleitete Version mit Feedback und Kontaktmöglichkeit. Andere nutzen das Programm selbstständig. So lässt sich analysieren, welchen zusätzlichen Beitrag menschliche Begleitung leistet.
- Erwartungsoptimierung: In der Version zur Erwartungsoptimierung werden die Erwartungen in der Einführung zu UKADO mithilfe einer detaillierten Psychoedukation zu Vorteilen, Risiken etc. und einer Übung zu den persönlichen Erwartungen des an die Intervention gezielt angesprochen.
Durch die Kombination dieser Faktoren entstehen acht experimentelle Bedingungen. Jede teilnehmende Person wird einer Bedingung zugeteilt.
Wer kann teilnehmen?
Die Teilnahme an der OPTIBRIEF-Studie ist freiwillig und kostenlos. Teilnehmende erhalten Zugang zu einer der acht UKADO-Varianten und werden über mehrere Messzeitpunkte hinweg begleitet. Online-Fragebögen sowie telefonische Interviews gehören zum Studienablauf.
Teilnehmen können Personen, die
- aktuell auf einen Psychotherapieplatz warten oder einen suchen,
- mindestens 18 Jahre alt sind und Deutsch sprechen,
- an einer Angststörung und/oder Depression leiden,
- Internetzugang haben und
- sich nicht in einer akuten Krise befinden.
Die Studienleitung betont, dass alle Daten streng vertraulich behandelt werden und umfangreiche Datenschutzmassnahmen gelten. UKADO ersetzt keine Psychotherapie und ist nicht für Krisensituationen geeignet, soll jedoch die Wartezeit sinnvoll überbrücken und wertvolle Hinweise für die Weiterentwicklung digitaler Interventionen liefern.
Warum Erfahrungen von Patient:innen entscheidend sind
Ein wichtiger Aspekt der OPTIBRIEF-Studie ist es auch die Erfahrungen der Patient:innen mit dem Programm besser zu verstehen. Neben Fragebögen werden auch Interviews durchgeführt.
Dadurch soll besser verstanden werden, wie Teilnehmende das Programm erlebt haben:
- Was war hilfreich?
- Was hat irritiert oder nicht gepasst?
- Wie wurde die Wartezeit erlebt?
Diese Erfahrungsberichte sind zentral, um digitale Interventionen praxisnah und bedarfsgerecht weiterzuentwickeln.
Ausblick: Versorgung neu denken
Die Diskrepanz zwischen Bedarf und verfügbaren Therapieplätzen wird uns voraussichtlich noch länger begleiten. Digitale Interventionen sind keine Lösung für strukturelle Versorgungsprobleme, aber sie können ein Baustein sein.
Die OPTIBRIEF-Studie leistet einen Beitrag dazu, solche Bausteine zu optimieren. Anstatt zu fragen, ob „digital“ grundsätzlich gut oder schlecht ist, stellt sie eine differenziertere Forschungsfrage: Welche Elemente helfen und unter welchen Bedingungen?
Gerade in Phasen des Wartens kann es entscheidend sein, nicht passiv zu bleiben. Wenn digitale Kurzinterventionen wirksam gestaltet sind, könnten sie Stabilität fördern, Motivation erhalten und möglicherweise als Vorbereitung für eine anschliessende Psychotherapie dienen.
Die Ergebnisse der OPTIBRIEF-Studie sollen zeigen, welche Art Intervention besonders vielversprechend ist. Und wie Unterstützung in der Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz künftig gezielter gestaltet werden kann.
Informationen für Fachpersonen, Institutionen und weitere Interessierte
Psychotherapeut:innen, Hausarztpraxen, Beratungsstellen und andere Fachstellen, die ihre Patient:innen auf die Studie aufmerksam machen möchten, können kostenlos Informationsmaterial (Flyer, Broschüren etc.) erhalten. Wir stellen diese Unterlagen gerne zur Verfügung, damit sie in Praxen und Wartebereichen ausgelegt werden können. Gerne liefern wir auch Materialien zum Teilen auf sozialen Medien.
Wenn Sie daran interessiert sind, an der Studie selbst teilzunehmen, können Sie sich gerne per E-Mail an ukado.psy@unibe.ch wenden oder sich auf https://ukado.psy.unibe.ch/teilnahme über eine Teilnahme informieren.
Kontakt und Studienleitung

Dr. Laura Luisa Bielinski
Universität Bern
Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie
ukado.psy@unibe.ch

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